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"weder eine Odyssee noch ein Testament". Derrida und Cixous über den Tallith und andere Verschleierungen.Bewertung 5 von 5.0 Punkten vom 09.01.2007- Wieder so ein Werk der beinahe magischen Zusammenarbeit von Derrida und Cixous. Diesmal über Schleier, Vorhänge und andere Verhüllungen. Dieser erstmals 1998 auf französisch erschienene Band versammelt zwei underbare poetisch-reflexive Essays.
Der erste stammt von Helene Cixous und trägt den Titel "Savoir" und handelt von Cixoús' "angeborenem Schleier"; ihrer Myopie, die durch einen chirurgischen Eingriff behoben wurde. Bereits der Titel dürfte dem Übersetzer Schwierigkeiten bereitet habe, denn er zerfällt unter dem Blick Derridas in folgendes: "s'avoir", "sa voir", "ca voir". Dieser ein wenig Merleau-Ponty-Like Text kreist um die Problematik der unsichtbaren Sichtbarkeit und bildet für den Kenner/in einen Resonanzraum aus, in dem sowohl Derridas mächtige Reflexion "Erinnerungen eines Blinden" (1991) und Cixous eigener Text "Erinnerungen einer Blinden" aus ihrem Band "Jours de l'an" (auch und völlig unabhängig des femmes 1991)sich überlagern.
Derridas Essay nun ist unendlich komplex, weshalb ich nur ein paar kurze Spotlights setze. Zum einen kreist der Text um eine Kindheitserinnerung Derridas an Seidenraupen (das erklärt den etwas kryptischen Titel "Eine Seidenraupe / Un ver à soie")und davon ausgehend liest Derrida unsere Kultur der Vorhänge, Schleier, Segel und darin anschließend der Idee des Webens in unserer Kultur. Zugleich sind Derridas Reflexionen eine Art Reisebericht; denn während der Niederschrift reist er von Buenos Aires nach Saou Paulo. (Sein Text wird auch als "anti-paulinische Epistel" bezeichnet)
Der Essay hebt nun an als mächtige Reflexion über die Odysse und das Weben Penelopes und verzweigt sich dann zu einer Lektüre all unsere Schleier und Vorhänge, abgefangen vom Tempelvorhang bei Matthäus über all unsere Schleiermacher, über Cixous Kurzsichtigkeit bis zu Paulus, Lacan, Celan, Benjamins Begriffe als Segel, Heidegger und Freud, über die Apokalypse, den Traum, die Trauer, die Erlösung, die Segnung und schließlich über die eigentümliche Textur des Tallith - des jüdischen Gebetsschals - der weiss ist.
Das Buch endet schließlich mit einer bewegenden Passage über die Vernetzung von Traum und Kindheit: einmal nur für einen kurzen Augenblick das Schiffchen der Nähmaschine anhalten, das Traum und Realität miteinander vernäht, anhalten, um die Welt in ihrer Nackheit zu sehen.
Fazit: ein großartiges Buch - ein Buch, von einer Qualität, die es vielleicht nie wieder geben wird - deshalb mischt sich ein wenig Trauer aber auch Glück in die Lektüre. Leider ist Derrida verstorben, aber dank der Spektralität der Technik und ihrem Bezug zum Tod und den Toten, können wir weiter Derridas Stimme lauschen. Wieder einmal ist die Anschaffung des französischen Originals empfohlen, um in die Neuerfindung der französischen Sprache einzusteigen, die Derrida und Cixous so groß gemacht hat. 5 Sterne.
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