Unsichere Geschichte. Zur Theorie historischer Referentialität.

Hans-Jürgen Goertz


EAN / ISBN:   9783150170359
Verlag:   Reclam, Ditzingen
Ausgabe:   2001
Seiten: 130

Taschenbuch

Bibliograf. Angaben: 39 x 583 x 386 mm, 16 g
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Meinungen zum Buch: In 1 Bewertung(en) wurden durchschnittlich 4.0 von 5.0 Punkten vergeben.
Folgende Meinung wurde bisher erfasst.

Idealtypen

Bewertung 4 von 5.0 Punkten vom 30.05.2003
Das Thema ist nicht neu, und hat gerade unter Historikern naturgemaess einige Aufregung verursacht: Ist Geschichtsschreibung als Wissenschaft ueberhaupt moeglich? Als der grosse deutsche Historiker Leopold von Ranke im fruehen 19. Jh. sein beruehmtes Objektivitaetspostulat ("...bloss zu zeigen, wie es eigentlich war") aufstellte, konnte er von einer gruendlich verfeinerten Hermeneutik, vom `linguistic turn`, von Foucaults Diskursen und von Derridas `realitaetsaufloesenden Ansichten` noch nichts ahnen. Seit der Mitte des 20. Jh. stellt sich die Frage, ob Realitaet durch Geschichte ueberhaupt eingefangen werden kann. Handelt es sich bei Geschichtsschreibung nicht nur um eine semiotische Absprache zwischen Gelehrten, "kommunizieren nicht Texte nur noch mit Texten?", kurz: Kann die Historie die von ihr geforderte Referentialitaet leisten? Der vorliegende Band gibt in fuenf Abschnitten eine aufeinander aufbauende Darstellung wesentlicher Stationen der teilweise aggressiv gefuehrten Kontroverse, und bemueht sich vor allem um arbeitstaugliche Synthesen. Denn ein verfeinertes analytisches Instrumentarium muss nicht eben zur Realitaetsaufloesung fuehren. Sollten linguistic turn und Konstruktivismus wirklich in Realitaetsaufloesung und postmoderner Beliebigkeit auch in der Geschichte enden, waere solches paradoxerweise gar nicht so weit vom unseligen deutschen Historismus entfernt, der sich bis noch nach dem Zweiten Weltkrieg hartnaeckig weigerte, vom Primat des historisch gewordenen zugunsten ueberzeitlicher Abstraktionen, etwa in Form von universellen Menschenrechten, abzuruecken.
So schlimm steht es jedoch nicht um die Historie, und das ist dann auch Goertz' Schluss, dass die Forschung die mit den neuen erkenntnistheoretischen Modellen einhergehende Komplexitaetssteigerung durchaus leisten kann. Wieder mal war es Max Weber, der seiner Zeit voraus war: Er loeste das Problem zwischen Individuellem, Einzugartigem einerseits und universellen Abstraktionen andererseits mit der Figur des `Idealtypus`, auf dessen Grundlage man sich verstaendigen konnte. Auch das Problem der historischen Referentialitaet kann hiermit angegangen werden. Erkenntnistheoretisch problematischer Abschnitte von der Realitaet in das Buch durch die Person des Forschenden und von diesem wieder zum Leser, mitsamt ihren jeweils einzigartigen Perzeptionen, kann man solcherart eingedenk sein, ohne gleich in Relativismus zu verfallen.


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