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In 6 Bewertung(en) wurden durchschnittlich 4.5 von 5.0 Punkten vergeben.
Nachfolgend die neuesten Bewertungen:
"alles ganz klar und ruhig und leer"Bewertung 4 von 5.0 Punkten vom 25.12.2007- Gustafsson, Lars, Der Tod eines Bienenzüchters, 1978, (SZ -Bibliothek 2007)
Ein Buch, das mir einigen Anstoß zum Nachdenken gibt, aber nicht sehr tief unter die Haut geht, was mit der Philosophie des Protagonisten zu tun hat.
Dieser Protagonist ist ein frühpensionierter Volksschullehrer (Lars Lennart Westin, auch Wiesel" genannt), der in Schweden im nördlichen Västmanland zurückgezogen in seiner Hütte im Wesentlichen von der Bienenzucht lebt. Von ihm haben sich verschiedene Tagebücher gefunden, von denen abwechselnd Auszüge gebracht werden, in denen Westin die Zeit vom Frühjahr 75 bis zu seinem Tod im Herbst abdeckt, Ursache: Krebs, den er bewusst nicht ärztlich behandeln lässt. Stattdessen versucht er den Schmerz in sein Leben einzubauen, stets begleitet von Hoffnung, dass alles nur ein Irrtum war, er erinnert sich an die Vergangenheit und macht sich Gedanken über Leben und Tod, ein paar Besuche finden statt bei ihm, sonst passiert nichts.
Im Mittelpunkt der Gedanken dieses unauffälligen Menschen stehen Aussagen über die Beschaffenheit des Ich". Westin ist der Meinung, dass es so etwas eigentlich nicht gibt, das, was man so Ich" nennt, sei eigentlich eine Leerstelle, austauschbar mit dem Schicksal anderer, unpersönlich, unwirklich. Lediglich durch den zunehmenden Schmerz empfindet er, dass er wirklicher wird: aus dieser Tatsache, dass ich ein Körper bin, ließ sich ein eigentümlicher Trost, fast eine Geborgenheit schöpfen, ungefähr wie ein sehr einsamer Mensch aus der Gegenwart eines Haustiers Geborgenheit schöpft." (88). Ihm liegt nicht viel an anderen Menschen, er möchte möglichst nicht von außen kontrolliert werden, und er stellt auch kaum Forderungen an andere. Seine Frau, mit der er langjährig verheiratet war, blieb ihm fremd, sie wurden sich gegenseitig nicht wirklich". Einschneidend war ein Liebeserlebnis mit einer anderen Frau, die er im Zug kennen gelernt hatte, aber zurückblickend auf seine Freunde und Verwandten wird dem Tagebuchschreiber klar, dass ich keinen einzigen von ihnen, ich sage keinen einzigen, nicht einmal meine ehemalige Frau und auch nicht meine Geliebte, wirklich gekannt habe." (145). Als er seine Frau auf ihren Wunsch mit seiner Geliebten bekannt macht, entwickelt sich gleich eine enge Beziehung zwischen den Frauen: seine Frau vermisst eine Mutter, und seine Geliebte fühlt sich aus Schuldgefühlen zu der anderen Frau hingezogen, der Mann bleibt gewissermaßen außen vor. Ich habe zu wenig gewollt. Mein ganzes Leben lang. Die Leute haben nie das Gefühl gehabt, ich hätte irgendein Anliegen an sie. Die letzten drei Monate haben mich wirklich gemacht. Das ist furchtbar." (160).
Wie seine Bienen empfindet sich Westin nur als Teil eines Kollektivs, er plädiert für ein mystisches" Menschenbild (S.146), wiederholt heißt es über den Menschen: Das Dunkel der Pupille ist nichts anderes ... als die Dunkelheit des Universums." (146). Vielleicht erklärt sich so seine Neigung zu Science-Fiction-Spielereien oder zu Visionen.
Wie gesagt, man kann mit Westin auch nicht besonders tief mitfühlen oder mitleiden, weil er distanziert und kühl über sich selbst schreibt. Anders als etwa bei dem Roman "Homo Faber" von Max Frisch (der auch als Tagebuch angelegt ist) empfindet man hier nicht, dass der Protagonist ein Leben führt, das man ändern müsste, Westins Schicksal erscheint eher wie eine Bestandsaufnahme der menschlichen Situation überhaupt. So leitet z.B. ein Erzähler, dessen Seelenlage von ähnlicher Beschaffenheit zu sein scheint, die Tagebuchnotizen ein : Wie sonderbar. Ich spüre nicht mehr viel von einem Seelenleben. In mir ist alles ganz klar und ruhig und leer." (8). Das ist vom buddistischen Nirwana nicht weit entfernt, und dahin mag man streben oder auch nicht. Sicherlich ist Westin trotz seines Einsiedlerdaseins repräsentativ für viele Menschen in unserer Zeit, aber anders als ein moderner Autor wie z.B. Richard Ford, der ähnliche Charaktertypen darstellt, ist diese lakonische, private Art und Weise des Registrierens weniger dazu angetan, sich in sein Schicksal tief hineinzuversetzen - vielleicht möchte Gustafsson dies auch nicht erreichen, vielleicht genügt es ihm, wenn man seine Romane denkend begleitet. Am Ende bleibtBewertung 5 von 5.0 Punkten vom 04.09.2007- Zu wissen, daß man stirbt, seinen Tod anzunehmen, gehört sicher zu den großen Leistungen, die ein Mensch vollbringen kann. Angesichts von Krebs, möglicher Chemotherapie, einem Dahinsiechen im Krankenhaus ist eine solche Einstellung ein Geschenk, daß ein Mensch sich selber machen kann, in dem er die letzten Monate mit Gelassenheit angeht.
Westin hat sein Leben, die Höhen und Tiefen in einem Notizbuch festgehalten, daß Lars Gustafsson wie eine Niederschrift den Nachgeborenen darreicht. Es klingt nicht verbittert, wenn auch zuweilen dickköpfig. Er hat sich aus dem öffentlichen Leben in eine Existenz als Bienenzüchter zurückgezogen und ignoriert den Befund, indem er so tut, als habe ihm niemand davon etwas mitgeteilt. Wenn ich nicht weiß, daß ich sterbe, sterbe ich dann überhaupt? Werde ich nicht einfach vom Tod überrascht?
Allein diese Sicht der Dinge zeigt, daß es sich nicht um ein Sterbebuch handelt, daß vielmehr der Humor über die Trauer hinweg helfen, einem den Abschied erleichtern soll, obwohl der Schmerz sich nicht so leicht vertreiben läßt. Gustafsson hat ein schönes Buch über einen Bereich des Lebens geschrieben, der zumeist totgeschwiegen wird. Im Schatten des SchmerzesBewertung 4 von 5.0 Punkten vom 27.11.2006- Das Leben hat kein Happyend, das kann man schon daran sehen, dass wir alle sterben müssen. Vielleicht ist das Lesen auch der Versuch, sich dieser Einsicht so lange wie möglich zu entziehen. Was tun, aber wenn in der Literatur das Sterben zum Thema wird? Antwort: weiterlesen und hoffen, dass es einen schon nicht treffen wird. Dass es aber Jedermann treffen kann, auch wenn er die Augen noch so sehr davor verschließt, ist das Thema von Lars Gustafssons Buch "Der Tod des Bienenzüchters".
Der Lehrer Lars Lennart Vestin lebt als frühpensionierter Lehrer an einem schwedischen See ein ruhiges und zufriedenes Leben als Bienenzüchter. Alles könnte so schön und harmonisch sein, wenn ihn nicht immer schlimmere Schmerzen quälten, Schmerzen, die ihn schließlich dazu veranlassen, sich einer Reihe von medizinischer Untersuchungen zu unterziehen. Die Befunde, die ihm das Krankenhaus kurze Zeit später zusendet, vernichtet er jedoch ungelesen. Vielleicht war es ja nur ein Hexenschuss, vielleicht nur ein Nierenstein, was das schreckliche Ausmaß der Schmerzen erklären würde. Warum sich mit Befunden quälen? Denkt der Bienenzüchter und krümmt sich doch wie ein Wurm in der Erwartung, dass der neu ausbrechende Schmerz ihn entgültig vernichten wird. In diesem düsteren Todesadvent in der der Schmerz ihm eines seiner tückischen Moratorien gönnt, erinnert sich Vestin, wie das bei Todgeweihten so üblich ist, an seine Lieben, seine Ehen und an all die Dinge, die ihm im Lauf der Jahre wichtig waren. Zwischendurch phantasiert er auch ein wenig von Galaxien und Abenteuergeschichten, ohne dass dem Leser unbedingt klar würde, welche Funktion diesen Einschüben im Aufbau des Ganzen zukommen könnte. Sonderlichen Trost erfährt der Bienenzüchter aus diesen Rückblicken allerdings nicht, alles ist irgendwie schief gelaufen, und was er über die Liebe schreibt, könnte auch als Motto über seinem gesamten Leben stehen: “"enn ich darauf zurückblicke, wie ich gehandelt habe, sieht es tatsächlich so aus, als hätte ich die ganze Zeit eine Katastrophe gewollt"(S. 88) Nun aber wächst die Katastrophe in seinem Körper heran, doch er will sie nicht wahrhaben, verschließt die Augen vor allen noch so deutlichen Zeichen und flüchtet sich so gut er kann in die Distanzierungen der Literatur. Der unsägliche Schmerz, der ihn bald wieder in den Nächten quält, erscheint ihm als eine Versicherung der eigenen Lebendigkeit, und inmitten seiner Qual bringt er es fertig, sich über die Intensität seiner Körperlichkeit zu wundern. Doch ab einem bestimmten Punkt ist es zu viel. Der Schmerz überwältigt ihn, wirft ihn zurück auf sein weltloses, zerfallendes Ich, dem am Ende jeder schmerzfreie Augenblick als der Inbegriff des Paradieses erscheint. Auf der letzten Seite des Buches gibt es nur noch ein kurze Notiz, dass ihn ein Krankenwagen abholen wird, dann ist das Buch und in absehbarer Zeit sicher auch das Leben des Protagonisten zu Ende.
Ein intensives, sehr distanziertes und ehrlich geschriebenes Buch, das ohne seine zahlreichen Exkurse noch viel besser hätte sein können. Aber vielleicht sind auch diese Exkurse, die ein wenig befremden, auch nur ein Zeichen dafür, dass der Mensch auf der Flucht vor dem Tod sich in den Alltag stürzt wie in eine warme Badewanne des Nichtwahrhabenwollens.
Lebensnah, dicht, einzigartigBewertung 5 von 5.0 Punkten vom 02.08.2006- Ein ganz, ganz großes Buch. So ein schwieriges Thema so abzuhandeln ist eine Meisterleistung. Ich habe eine alte zerfledderte Taschenbuchausgabe von 1984, die ich im Laufe der Jahre mindestens 6 mal gelesen habe. Es ist immer wieder erschütternd und aufrührend. Selten wurde ein solches Thema so genial behandelt.
Ein KleinodBewertung 5 von 5.0 Punkten vom 23.03.2001- Dieses Buch ist ein echtes Kleinod der Literatur. Eine gelungene, stimmungsvolle Reflektion des Sterbens, unaufgeregt vom ich-Erzähler durch Tagebucheintragungen geschildert. Es ist keine Roman, eher eine Novelle. In dieser 'kurzen Form' zeigt sich für mich immer das Können von Gustafsson. Unbedingt empfehlenswert!
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